Die klassische TK-Branche schlägt zurück: Versatel macht sich mit Kabelnetz-Zukauf noch unabhängiger von Telekom
27. Juni 2008Der Telekomanbieter Versatel macht sich mit dem Kauf des Kabelnetz-Betreibers AKF unabhängiger von der Deutschen Telekom . Die neue Freiheit soll sich auch im Ergebnis niederschlagen. “Wir sparen die letzte Meile, für die wir sonst an die Telekom Gebühren zahlen müssten”, sagte Versatel-Chef Peer Knauer am Donnerstag in einer Telefonkonferenz. “Daraus ergibt sich ein nicht unerhebliches Einsparpotenzial.” Knauer bezifferte die Synergien auf mindestens 3 Millionen Euro jährlich ab 2010. Versatel-Papiere verloren bis zum Mittag 1,56 Prozent auf 14,49 Euro. Dafür machte ein Börsianer allerdings nicht den Zukauf verantwortlich. Obwohl Kaufpreis und optimistisch erwartete Synergieeffekte dies nahelegen würden, meint Manfred Peters, Chef des Düsseldorf TK- und Kabelnetz-Vertriebes CCL AG dazu.
Versatel übernimmt die AKF Telekabel TV und Datennetze GmbH von der Deutsche Wohnen AG, die damit ihr Kabelgeschäft vollständig aufgibt. Der Preis liegt bei 30 Millionen Euro. Für das Geld erhält Versatel den direkten Zugang zu 76.000 Haushalten und ist nicht mehr auf die Anschlüsse der Deutschen Telekom angewiesen.
Zwar gehört Versatel zu den wenigen Telekomanbietern in Deutschland, die ein eigenes Netz betreiben. Einen direkten Zugang bis hinein in die Wohnung des Kunden hat aber auch Versatel in der Regel nicht. Fallende Preise für schnelle Internetanschlüsse auf der einen und die Gebühren für die sogenannte letzte Meile auf der anderen Seite lassen die Marge aber immer weiter schrumpfen. Versatel fährt infolgedessen bereits einen Sparkurs und wird auch Mitarbeiter entlassen.
BILLIGER ALS AUSBAU DES EIGENEN NETZES - technische Unterschiede jedoch gewaltig
Versatel-Chef Knauer rechnete vor, dass die Übernahme von AKF weniger als halb so teuer kommt wie der Ausbau des eigenen Netzes bis hinein in die Häuser. Zudem, so betonte er, erhalte Versatel mit AKF auch zahlreiche neue Kunden mit Verträgen von 10 Jahren und mehr. “Davon können wir im DSL-Geschäft nur träumen.”
Fast 80 Prozent der 50.000 AKF-Kabelanschlüsse im Verbreitungsgebiet von Versatel sind bereits rückkanalfähig, das heißt neben Fernsehen kann auch Internet und Telefon über sie laufen. Laut Knauer sind Bandbreiten von bis zu bis 50 MBit möglich, was der Geschwindigkeit des neuen VDSL-Netzes der Telekom entspricht. “Wir müssen dem etwas entgegensetzen”, sagte der Versatel-Chef. AKF ist in Frankfurt, Berlin, Gera, Wuppertal und Prenzlau vertreten.
INTERESSIERT AN WEITEREN ZUKÄUFEN
Knauer zeigte sich auch an weiteren Zukäufen interessiert: AKF sei “keine Eintagsfliege, es ist ein erster Schritt für uns”. Dabei sieht er sich auch fähig für größere Übernahmen: “Ich bin zuversichtlich, dass wir mit Unterstützung unserer Aktionäre auch größere Themen stemmen können.” Für kleinere Akquisitionen reichten dagegen die eigenen Barmittel. Er erwartet jedoch starke Konkurrenz bei Käufen: “Wir waren ja nicht die einzigen, die AKF kaufen wollten. Da gab es auch Wettbewerb aus der Kabelbranche.” Diese stehe vor einer “ganz heftigen Konsolidierungsphase”.
Das mag zwar so sein – darüber täuschen auch die optimistischen und vielleicht nicht immer ganz realen aber stets vollmundigen Ankündigungen der Kabel-Branche hinweg, man habe soundsoviele tausend neue Kunden im Bereich Internet und Telefon gefunden. Tatsache ist, dass nur ein Bruchteil der theoretisch anschliessbaren Haushalte (homes passed) technisch ohne massiven und kaum rentablen Aufwand rückkanalfähig ist. Tatsache ist auch, dass die verkauften Bandbreiten kaum durch angemessene Backbone Kapazitäten gedeckt sind – das kann so mancher Nutzer leidvoll bestätigen, wenn er Sites wie beispielsweise www.wieistmeineip.de zur Messung des tatsächlichen Durchsatzes im Dauerbetrieb heranzieht.
Und last but not least – einer Versatel mangelt es natürlich an fehlender Kernkompetenz im Kabelnetz Kernprodukt: dem (digitalen) Fernsehen. Damit kehrt sich der Kompetenzmangel der Kabelnetzbetreiber im TK Geschäft um. Dennoch ist der Versuch sehr interessant zu beobachten – insbesondre wenn man an den Ergebnissen nicht selbst finanziell beteiligt ist.
Ende März hatte Versatel nach eigenen Angaben 666.000 Kunden. Das Unternehmen ist durch den Zusammenschluss mehrerer Stadtnetzbetreiber entstanden und wird durch den Finanzinvestor Apax kontrolliert. Im laufenden Jahr will der Telekomanbieter seinen Umsatz nach eigenem Bekunden auf 730 bis 740 Millionen Euro steigern und das bereinigte Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (EBITDA) auf mindestens 200 Millionen Euro verbessern. Nach dem Kauf von AKF sehe er den Umsatz jetzt aber “eher am oberen Ende der Spanne”, sagte Knauer.